Oktober - KINO INTERNATIONAL von LOWE

In letzter Zeit haben viele Bands ihre neuen Veröffentlichungen weiter und weiter hinausgeschoben und lassen uns schon seit Monaten auf kleiner Flamme schmoren. Dafür waren die sonst eher lange pausierenden Schweden produktiver als die Konkurrenz. Man hat langsam das Gefühl, dass deren Quellen an vom Pop infizierten Elektro-Bands unerschöpflich sind. Neben den hier bereits rezensierten Michigan und Kiethevez zeigten auch Colony 5, Kite (www.myspace.com/kitemalmo), Auto Auto (www.outofline.de/content/albumplayers.htm) oder die Ashbury Heights (neue EP), wie die Wikinger mit elektronischen Musikgeräten umgehen können.

Aber bleiben wir erst mal bei LOWE, die vor vier Jahren mit ihrem augenzwinkernd betitelten Debut „Tenant“ auf sich aufmerksam gemacht haben (Lowe? Tenant? ….*denk* *grübel*.… Pet Shop Boys!). „Tenant“ brachte nicht weniger als die erstaunliche Zahl von fünf Singles bzw. Maxi-CDs hervor und wurde auf einer Doppel-CD durch den Mixer geschickt („Tenant Remixed“).

Jörgen Leo Josefsson, verantwortlich für den wunderbar schwelgerischen Gesang und die Gitarren, Rickard Gunnarsson am Bass und Mehdi Bagherzadeh an den Keyboards sind schon seit 2002 ein Trio. Vor drei Jahren wurden sie bei den „Scandinavian Alternative Music Awards“ zum Besten Newcomer gewählt. Aber ist das in Stockholm aufgenommene, von LOWE selbst produzierte „Kino International“ wirklich so gut? Immerhin wird ihre Musik mit New Order, Keane, A-HA oder… (räusper) …Depeche Mode… verglichen.

Ohne Zweifel ist LOWEs eigene erfrischende Duftnote erkennbar und die neue CD ist noch abwechslungsreicher und interessanter als „Tenant“. Dafür ist sie auch ein bisschen ruhiger und epischer, sozusagen „Breitleinwand-Kino“ par excellence. Der Spruch „In der Ruhe liegt die Kraft“ ist hier gar nicht so falsch, denn qualitativ gehen die zurückhaltenderen Stücke überhaupt nicht unter. Im Gegenteil: „So Close, So Far“, ein sanft beginnendes, schliesslich schwerelos dahinschwebendes Stück über innere Distanzen und „A Room With A View“, ein leidenschaftliches schaukelndes Kleinod mit dunklen Klaviernoten, gehören mit zum Besten auf der CD.

Im tanzbareren Bereich bewegt sich zum Beispiel „Berlin Night Express“, mit Radio-Samples, New Order-Bass, filigraner Synthetik und pointiertem Klavier, sicher eines der Markenzeichen von LOWE. Wie wär’s mit einer Extended Version, die für die ganze besungene Strecke ausreicht? Oder der Hit „1000 Miles“, bei dem man sich irgendwann fragt, warum er nicht endlich aus dem Kopf verschwindet? Von Stockholm nach Berlin sind es jedenfalls rund 850 Kilometer. Zwischendurch ganz schön wuchtig zur Sache geht „Now That I’ve Tasted You“, mit druckvollen Drums und dem typischen LOWE-Geklimper. Zum Reigen der Uptempo-Hits darf man auch „Shadows Rising“ zählen. Die „Schatten erheben“ sich? Kein Problem. Hauptsache, die Drei sind immer noch gut gelaunt.

Ebenfalls zu erwähnen sind auch die Enden von Seite eins und zwei (in Vinyl gedacht), also der Stücke fünf und zehn. „Dice Roller“ mit einer Portion Extra-Melancholie und -Nostalgie erzählt von einer alten Bekanntschaft in Form eines Zählreims der sanfteren Art - nicht, wie die bekanntere Holzhacker-Variante bei „Rammstein“ oder „Oomph!“. Und beim dramatischen sechsminütigen „Sirens Calling“ spürt man, dass das Ende naht. Wie ein Filmabspann, echtes Kino eben. Etwas unspektakulär, deswegen aber nicht gleich schlecht oder unhörbar, sind „Thick As Thieves“ und „Free Fall“. „Free Fall“ sollte wohl dasselbe Hochgefühl verströmen wie ein kribbeliger Erstsprung mit Fallschirm. Leider klingt’s mehr nach einem Routinesprung. Dass die zwei schwächsten Stücke doch noch „richtig nett“ geraten sind, ist aber genauso als Kompliment zu verstehen, wie die Tatsache, dass 10 Stücke und 46 Minuten Spielzeit heutzutage ein kleines bisschen wenig sind.

Doch es wäre wirklich schade, wenn die CD deshalb oder wegen erschwertem Bestellweg oder Musikpiraterie oder werweisswarum untergehen würde. Bestellt werden kann „Kino International“ wie auch andere Tonträger von LOWE auf www.megahype.com , ihrem eigenen „Einkaufsladen“. Reinhören kann man bei itunes oder auf ihrer Homepage www.lowe.st , wo man unter „Music/Video/Pictures“ auch die absolut professionellen Videos zu ihren ersten Singles findet. Auch wenn viele Lieder von der Liebe handeln und einen nicht in die Tiefe ziehen: Die Band heisst trotzdem LOWE, nicht LOVE!

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