To Lose My Life von WHITE LIES

depechemode.ch - CD Tipp des Monats 2009 | Februar - WHITE LIES

von Daniel K. , depechemode.ch

 

Was wäre wenn... im Jahre 2009 im Mutterland der modernen Pop- und Rockmusik jemand die Charts erobern könnte, dessen bisher grösster Hit sich anhört wie eine lebensfrohere Version von The Cure's oberdüsterem "A Strange Day" gesungen von Duran Durans Simon Le Bon? Nicht nur ich habe gestaunt, als die aus Ealing/West-London stammenden White Lies ("Notlügen") die Spitze der britischen LP-Hitparade eroberten.

Nicht genug, dass ihr Debut auf Fiction, dem von The Cure's Robert Smith höchstpersönlich mitbegründeten Label, erschien und Erinnerungen an die besten Zeiten der glamourösen Duran Duran hochsteigen lässt. Stephen Street, bekannt für seine Arbeit mit Blur und The Smiths, produzierte die frühen, noch unter dem Namen "Fear Of Flying" entstandenen Singles. "To Lose My Life" wurde ebenfalls von einem "big name" produziert, von Ed Bueller (Suede, Pulp). Und Alan Moulder, der die CD gemixt hat, dürfte vielen Depeche Mode-Fans ein Begriff sein. Aber zurück zur Musik selbst.

Harry McVeigh (voc/guit/key), Charles Cave (ba/voc) und Jack Lawrence-Brown (dr) haben "White Lies" als Bandname gewählt, weil Notlügen alltäglich und trotzdem ziemlich dunkel sind. Kein Wunder, dass sie mit ihrer eigenen Beschreibung ins Schwarze treffen. Trommelgewitter, bedrohliche Synthetik, glamouröse und verträumte Gitarren und hämmernde Bassläufe prägen nicht nur das apokalyptische "E.S.T.". Die Single "To Lose My Life" windet sich mit seiner antreibenden Rhythmussektion und dem vor melodiöser Kraft strahlenden Chorus direkt ins Zentrum jedes den Harmonien der Eighties zugeneigten Musikgehörs. Und dringt bei "Unfinished Business" nicht ein wenig "Girls On Film" von den Duranies durch? Aehm, was singt Harry da? "A View To Kill"???

"From The Stars" strahlt von den Sternen und galoppiert mit Abenteuer versprechenden Streichern gleich dahin zurück. Endlose Sehnsucht auch in "Fifty On Our Foreheads", geschmückt mit Mondlicht, Tränen und Gedanken an die Geliebten. "Farewell To The Fairground", ein weiteres Goldstückchen in dieser schillernden Schatztruhe, kommt so frisch daher, wie wenn die Rockmusik erst gerade erfunden worden wäre. Umso störender der aprupte Zwischenhalt in der Mitte des Songs. In "Nothing To Give", dem dramatischen Kleinod auf diesem Album, stirbt uns der Protagonist beinahe weg ("I almost die"), nur um im Finale noch dramatischer vom Schmerz der Liebe zu erzählen: "She screamed from the window: So is this the price of love?". Doch ist jedes Ende, jeder Tod auch ein Neubeginn, also.schnurstracks zurück auf Track eins, "Death".

Zu den bereits genannten fremden Inhaltsstoffen darf man noch eine Portion Düsternis à la Joy Divison, ein paar kühle Gitarren der frühen Editors, die schöne Single "Human" von den Killers, etwas Feierlichkeit von Echo & the Bunnymen, haushohe Gitarrenwände von den Chameleons, zwei Handvoll Skelettknochen von She Wants Revenge und die Stimme von Alphavilles Marian Gold in den Topf geben, dann gut umrühren und fertig ist der äusserst moderne 80er-Mix.

Wenn man diese Namen liest, ist es wohl auch kein Zufall, dass die 45 Minuten von gewichtigen meist dunklen Worten wie Furcht, Abschied, Liebe, Albtraum, Zukunft, Himmel oder Traum richtiggehend getränkt sind. So ergibt sich eine düstere Grundstimmung, die von McVeigh mit viel positiver Euphorie ergänzt und mit voller Leidenschaft und Pathos gesanglich dargeboten wird.

Nach dem fulminanten Einstieg in die britischen Charts stürzte "To Lose My Life" in Woche zwei ein bisschen und in Woche drei leider erbarmungslos ab. Trotzdem: Zehn grossartige hellschwarz schillernde Hymnen an die Nacht, von den drei Briten unter freiem Himmel raus ins Weltall geschmettert. Es würde mich nicht wundern, wenn diese hoffnungsvollen Signale auch auf anderen Welten gehört würden. Naja, mindestens auf unserer Welt.

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