Un:Welt von NOYCE TM

von Daniel K., depechemode.ch

 

Es ist eine harte Landung, vom Weltall zurück auf die Erdoberfläche. Und es ist eine ernste, melancholische Welt, durch welche die Pfade von Florian Schäfer, Oliver Goetz, Thomas Krupatz und Markus Poschmann alias Noyce TM führen. Diese Ernsthaftigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch ihr musikalisches-visuelles Gesamtwerk: 1998 erschien die Single „Panique“, 1999 das hauptsächlich von geistigen Krankheiten handelnde Debut „The White Room“ und 2006 der nach un:erträglicher Pause „schwergeborene“ Nachfolger „Coma“ (siehe Album des Monats Oktober 2006 bei depechemode.ch).

Auch „Un:Welt“ hat sich verzögert, wurde der erste offizielle Erscheinungs-Termin nämlich auf Ende Mai 2008 festgelegt. Wie ihre Vorgänger gewährt „Un:Welt“ tiefe Einblicke in die Natur des Menschen, nur liegt der Fokus diesmal vermehrt auf den Themen Politik, Religion und Um:welt. Wie gewohnt verstärkt die bewährte optische Aufmachung in eingebräuntem schwarz/weiss die stets präsente Melancholie. Doch nicht nur für die Optik muss man den Musikern aus der Region Düsseldorf ein dickes Lob aussprechen. Ohne Zweifel ist ihnen mit „Un:Welt“ ein überragender Wurf gelungen, der dem Vergleich mit seinen Vorgängern spielend standhalten kann, ja sogar neue Höhen des Elektropop-Firmaments erklimmt. Waren einige Songs des Debuts noch un:ausgegoren und ein Grossteil der ersten „Coma“-Hälfte ein bisschen zu gleichförmig, besticht „Un:Welt“ durchgehend mit zielgenau navigierenden Melodien und infektiösen Arrangements.

Richten wir unser Augenmerk zunächst auf „Karolinko“: Ein zutiefst erschütternder Tatsachenbericht über ein Kleinkind, das nicht geliebt wurde und deshalb jämmerlichst sterben musste. „Am Ende fand sie Ruhe, blieb kein Schmerz zurück“. Einfühlsam und sanft vertont zu Beginn, wandelt sich „Karolinko“ zu einem Befreiungsschlag, zu dem das wehrlose Mädchen nicht fähig war. Den Videoclip sollte man sich sicher einmal zu Gemüte führen (www.noycetm.de > media). Das geht auf allen Ebenen tief, und etwas bleibt hängen.

Zurück zum alltäglichen Wahnsinn, zu einer Art Bestandesaufnahme in „This World“: „Whole life is just a compromise and full of lies.“ Eine passende Einleitung für ein theatralisch untermaltes Konzert, vielleicht gar für ein düsteres Musical? Dann ein Vergleich zu „früher“ in „Tagwerk“: „Die Ziele werden kleiner, nur fokussiert auf Kleinigkeiten, die zu streiten der Lohn der Mühe sind.“ Eingebettet in eiskalt-romantische Synthis und Sequencer. Eine Stufe dramatischer erschallen die Breakbeats und orientalischen Instrumente in „Inschallah“. Eine perfekte Symbiose von Klang und Worten über Menschen, die sich für eine „höhere“ Sache opfern: „A final smile and my finger fires me to paradise“ (wumm!).

Ebenfalls in die Kategorie „Zustand unserer Welt“ gehören „Un:Welt“ und das bereits vor zwei Jahren als Single veröffentlichte „Our World“, das bereits die Richtung der aktuellen CD anzeigte. In „Un:Welt“ erklingen nebst mechanisch vorgetragenen Strophen auch verträumte Pianopassagen und Mister Bush (wie werden uns seine gesampelten Reden fehlen!), während „Our World“ in typischeren Noyce-TM-Klanggefilden fischt. Ebenso un:verkennbar scheint sich der Drogen-Song „Half Life“ zu entwickeln, bis die Drogen zu wirken beginnen und alles un:gewohnt anders wird. Na, so arg „anders“ ist’s auch wieder nicht! Mit den (Anti-)Kriegs-Liedern „The Holy Crusade“ und „A Long Way Gone“ sowie dem Silence Gift-Remake „Un:Jahre“ liefern Noyce TM weitere  drei ihrer un:verwechselbaren, mitreissenden Elektro-Hymnen, einmal in maschinenratterndem Midtempo, einmal furios und einmal sich in himmlische Sphären steigernd. „This is the last effort to recreate the human balance“ („dies ist die letzte Anstrengung, das menschliche Gleichgewicht wiederherzustellen“) heisst es in „The Last Effort“, bevor sich das Schlusslied wieder in „This World“ verwandelt. Und jetzt? Alles wieder von vorne?

Noyce TM beherrschen es meisterlich, sich schwierigen Themen einfühlsam und kritisch zu nähern. Zusammen mit Florian Schäfers angenehmem Gesang und der charakteristischen Vertonung schaffen sie es mit „Un:Welt“ mehr denn je, ihrem auf ca. 140 Kubikzentimeter verkleinerten Un:iversum echtes Leben einzuhauchen. Worte werden zu Geschichten, die zusammen mit der Musik meilenweit von substanzloser Un:terhaltung entfernt sind. Trotzdem nehmen sie sich nicht zu ernst: “Noyce TM is only a product. Do not bother if we are gone“.

Auch zum Thema „Diebstahl“ haben sie eine un:veränderte, klare Meinung. Den vollen Text findet ihr wie üblich auf der Innenseite des Digipaks. Kurzfassung: Wenn schon stehlen, dann in einem CD-Shop! Ein hochgradiger Kauftipp für Hörer von „artverwandten“ Bands wie Diorama, Seabound, Covenant, Clan Of Xymox oder Depeche Mode und von 80er-Ikonen wie Ultravox, Twice A Man oder Yello. Andere Erinnerungen an Vergangenes auf dem CD-Cover: Die hinter Nebelschleiern kaum sichtbaren Twin Towers, dazu eine des Feuers beraubte Freiheitsstatue. Zur Zukunft meinen Noyce TM: „Da muss viel anders werden! Es wird… es wird.“

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