Whitechapel von F.A.Q.

von Daniel K. , depechemode.ch

 

Eine typische F.A.Q., eine Frage, die ich mir „frequently“ selbst stelle: „Welche CD darf’s diesmal sein?“ Die Masse der interessanten CDs konkurrierte im Spätfrühling beinahe das bei diesen Wetterbedingungen grossartig gedeihende Gemüse. Solch ein üppiges Angebot muss schliesslich geerntet, genossen und verdaut werden, und dies ohne verdorbenen Magen oder Ueberhitzung im obersten Empfangszentrum.

Wie in letzter Zeit fast schon üblich legen die Musiker von den Britischen Inseln vor. Meine Lieblingsschotten SIMPLE MINDS führen mit „Graffiti Soul“ den mit „Black & White“ eingeschlagenen Weg der Besserung fort. Die Waliser MANIC STREET PREACHERS ehren mit dem überdurchschnittlichen „Journal For Plague Lovers“ ihren 1995 spurlos verschwundenen Gitarristen Richey James. Die unzerstörbaren MADNESS beweisen mit „The Liberty Of Norton Folgate“, dass sie auch nach 30 Jahren eingängige Popsongs über London schreiben können. Dazu die frischen Silberlinge der auf den Spuren von Joy Division, Psychedelic Furs und Cramps wandelnden HORRORS („Primary Colours“) sowie die neuesten Streiche von Chris Corner alias I AM X („Kingdom Of Welcome Addiction“) und der irischen Powerbolzen VNV NATION („Of Faith, Power And Glory“). Last but not least wären „ausserbritisch“ zu nennen: Die Zeitlupen-Dinosauriere THE CHURCH mit „Untitled 23“ und „Foot Of The Mountain“ von den in den Jungbrunnen gefallenen und wieder erfrischender aufspielenden A-HA.

Nach unserer kleinen Weltreise landen wir… wieder hier bei uns, in der Nordwest-Schweiz. Trotzdem kommen wir nicht weg von Grossbritannien, behandeln F.A.Q. auf „Whitechapel“ doch das urbritische Thema „Jack The Ripper“: Welcome to London, Friday, November 9, 1888! Die rauhe, dunkle, melancholische Atmosphäre von „Whitechapel“ scheint direkt dem verdreckten, verarmten Irrgarten Ost-Londons der (18)80er entsprungen, als Alkoholiker und Prostituierte das Stadtbild entscheidend mitprägten. Mittendrin, 120 Jahre später, Phil Noirjean, Sänger, Texter und Bassist, Thomas Daverio, Musikkomponist und Produzent, Gitarrist Pille und Musizier- und Produktions-Gehilfe Philipp Groth (Bruder von Stefan Groth a.k.a. Apoptygma Berzerk).

Die total 70 Minuten verlangen vom Hörer ein heute nicht mehr selbstverständliches Durchhaltevermögen, aber nicht wegen Ueberlängen. Nach dem Breakbeat-Gewitter von “Absinthe And Laudanum“ folgt das Highlight „Birth Of The 20th Century“, garniert mit Filmsamples aus „From Hell“ (mit Johnny Depp). Zugegeben: „Grapes“ reisst mit druckvollem EBM-Beat und monotonen Vocals schön mit und „Ten Bells“, bereits bekannt von der 2008 vorveröffentlichten „Whitechapel-EP“ sowie „Dear Boss“, ein vertonter Brief, fallen nur wenig ab. Der interessantere Teil der Platte beginnt allerdings mit den grazilen Takt- und ätherischen Klavierspielereien von „The 4th Dimension“. „Leather Apron“, mit Stampf-Klatsch-Rhythmus und Schlagworten anfangs etwas grob gestrickt, verpuppt sich zum Popmonster, das sogar nur mit Akustikgitarre funkionieren würde.

Dasselbe gilt für „From Hell“, das sehr balladesk beginnt, schliesslich aber eher an den Pforten der Hölle als am Himmelstor endet. Höllisch auch „Merrick“, ein unheimlicher Industrial-Schleicher mit viel Marilyn Manson-Gesangsdramatik; aber besser als Manson! In „Buck’s Row“ geht der Teufel schon wieder rum: „The devil’s after you“! Ein atemberaubendes Tempo, mit dem er seine Opfer durch diverse historische Strassen jagt. Das Beste kommt erst jetzt: Schauder erzeugendes Klaviergeklimper, spannungsgeladener Aufbau, messerscharfe Gitarren und flirrende Synthparts. Und zu guter Letzt verleihen auch die von Rubberdoll gesprochenen oder gesungenen „Yours Truly“, „In Memoriam“ und „A Violet from Mother’s Grave“ der Story eine weitere Dimension. Originell: Die Aufmachung von CD und Booklet als Zeitung.

“Whitechapel“ hatte reichlich Gelegenheit zu reifen, denn die Aufnahmen dauerten von 2007 bis 2009. Nicht zuletzt dank viel Arbeit können es F.A.Q. inzwischen ohne weiteres mit Acts wie Nine Inch Nails aufnehmen. Schön, dass F.A.Q. Wert auf gutes Songwriting legen und weniger mit dem Hackebeil zu Werke gehen als so manch andere „Industrial“-Band. Auch wenn ihr Stil etwas „dräckiger“ geworden ist, bewegt sich ihre Musik unverändert irgendwo zwischen Elektropop und Industrial-Rock. Jedenfalls durchzieht das Konzeptalbum eine unheimliche, brodelnde Spannung; kein Wunder, wenn ein Typ wie Jack The Ripper hinter jeder Ecke lauern könnte.

Viel Spass beim Anhören dieser stimmungsvollen Reise in die Vergangenheit! Und immer schön drandenken: Nicht jeder muss einem Jack The Ripper zum Opfer fallen. Es könnte jederzeit auch aus anderen Gründen Euer letzter Musikgenuss sein…

Weitere Infos
http://www.f-a-q.ch/
www.myspace.com/faqofficial
http://www.jacktheripper.de/

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