In This Light And On This Evening von EDITORS

von Daniel K. , depechemode.ch

 

Schon wieder eine Zeitreise? Die bisher hauptsächlich mit Gitarren hantierenden Editors müssen vor einigen Monaten in eine Zeitmaschine ein- und vor 29 Jahren ausgestiegen sein. Dass ihr neues, drittes Album anders sein sollte als die ersten zwei wurde bereits im Voraus breitgetreten. Aber dass sie gleich als Ultravox-Klon enden würden? Ultravox hatten 1980 bis 1984 mit Midge Ure als Sänger und einem oft hymnischen Elektro-Sound weltweit mehrere Hits, also auch in unseren Breitengraden. Am 15. April 2010 werden sie im Rahmen ihrer Reunion-Tour „Return To Eden“ im Zürcher Volkshaus auftreten! Für den Titelsong verwendeten die Editoren wohl gleich die komplette Seite zwei von Ultravox’ „Vienna“-LP als Schablone („Mr. X“ usw.). Dazu kratzen „Like Treasure“ und „Bricks And Mortar“ mehr als nur an der Oberfläche der UV-Hits „Hymn“ und „Dancing With Tears In My Eyes“.

 

Doch nein, die Editors sind keineswegs zu Klonen mutiert. Sie sind immer noch die altbekannten ihren Idealen treu gebliebenen Originale, auch wenn die typischen Gitarrenriffs beinahe völlig verschwunden sind. Altbekannt insbesondere wegen Tom Smiths wohlig-gefühlsvollem Bariton. “In This Light And On This Evening“ soll zwar jede Grossstadt widerspiegeln, also auch Wien/Vienna, handelt aber in erster Linie von Englands Hauptstadt. London wird gleich im ersten Stück und Titelsong erwähnt, während die dem abschliessenden „Walk The Fleet Road“ namensgebende Strasse – genauer deren Stadtteil Camden - noch heute eine Bedeutung für „Subkulturen“ wie Gothics, Punks und ewige „New Romantics“ hat. Und noch ein London-Bezug: Es ist nicht lange her, dass die Luft z.B. an der Shoppingmeile Oxford Street so russig schwarz war wie die Gestaltung des schicken CD-Digipacks. Kein Wunder strahlt das silberne Polycarbonat fast nur hell- und dunkelschwarze Schwingungen aus.

 

Auf bedeutungsschwangere Wörter wie „God“, „Love“, „Life“ und „Blood“ trifft man in den Texten wiederholt. Starke Worte hin oder her, die Musik spielt die erste Geige. Wie eine Bombe schlug die neue Single „Papillon“ ein, hier in der verlängerten Variante. Für einen Moment wähn ich mich in Irland bei Ronan Harris’ VNV Nation anstatt auf der grossen Britischen Insel. Ein überraschender, kräftiger Energieausbruch feinster Elektropopgüte, bestens geeignet für die Hitparaden, Tanzpaläste und HiFi-Anlagen dieser Erde. In „Bricks And Mortar“ (Ziegel & Mörtel) findet man sich allerdings mehr jenseits der Erdanziehungskraft wieder als an deren unterem Ende. Der Start mit zärtlichen Drums und trockenem Bassspiel mag zunächst irritieren. Da sag ich nur: Erst mal „The Big Exit“ anhören, wo Mr. Smith das marsianische Geheul aus H.G. Wells’ berühmt-berüchtigter Radioversion von „Kampf der Welten“ in Gedanken rumgegeistert sein dürfte. Drama! Spannung! Action!

 

Es sollen ja solch oberdüstere Science-Fiction-Klassiker wie „Blade Runner“ und „Terminator“ gewesen sein, die den in London lebenden „Chefdenker“ Tom Smith, Drummer Ed Lay und die nach New York umgezogenen Chris Urbanowicz (Gitarren & Synthis) und Russell Leetch (Bass) beeinflusst haben. In der zweiten Halbzeit ist davon nicht mehr so viel zu spüren, die vier begehen wieder gewohntere Pfade. Will heissen: Statt nur 10% ganz „erstaunliche“ 20% Gitarrenanteil plus klassischere Editors-Melodien. So schlägt „The Boxer“ den intimeren Stücken von „An End Has A Start“ nach, in diesem Falle mit stimmungsvollem Holz-Xylophon. Auch „Walk The Fleet Road“ klingt vertraut. Doch was wäre eine Rezension ohne Depeche Mode zu erwähnen? Lieber Tom Smith! DMs „Violator“ war eine Deiner wichtigeren Hörerfahrungen, aber sich so unverschämt bei Martin Gore zu bedienen, dann erst noch wie bei DM für den wehmütigen Abspann! Da sag ich nur „Goodnight Lovers“...

 

Zwei weitere gewichtige Pfeiler von „In This Light And On This Evening“ sind „Like Treasure“ und das seltsam betitelte „Eat Raw Meat=Blood Drool“. „Like Treasure“ ist der verzückendste der neun Songs, fürwahr eine Art Schatztruhe, grosszügig vollgestopft mit mächtigen Gefühlen. Das „raw meat“ ist schwerer verdaulich. Erst als finsterer und trotzdem friedensfördernder Reggae getarnt, entwickelt er sich zum kriegstrommelschwingenden Biest. Wer sich mit den Veränderungen anfreunden kann, soll sich die limitierte Edition mit Fünf-Track-Bonus-CD zulegen. Nur ein gruselig-skurriles Sammelsurium, in deren „schrecklichem“ Ende Doktor Frankensteins (Sound)Kreatur spektakulär in sich zusammenfällt, oder nur eine Portion typisch britischer (schwarzer) Humor?

 

Produziert wurde das Elektro-„Biest“ von keinem Geringeren als Mark Ellis alias Flood. In dessen Wikipedia-Text fiel Smith auf, dass die dort aufgezählten Bands seine eigenen Musik-Vorlieben erstaunlich gut abdecken. Ebenso dürfte der Name Ben Hillier dem einen oder andern noch was sagen. Hillier hat ungefähr die Hälfte der Songs gemixt. Eigentlich kein Wunder, dass bei guter Musik öfters dieselben Leute ihre Finger im Spiel haben. Uebrigens sind Flood und Alan Moulder die Besitzer der Londoner Battery Studios, wo sämtliche Aufnahmen stattfanden. Live sind die Editors hierzulande zu sehen am 14. November in Lausanne, am 1. Dezember in Bern und am 5. Dezember - just einen Tag vor DMs Hallenstadion-Konzerten - im Zürcher Xtra. Prädikat: Xtra gut!

 

Mein Bonus für euch: Ein Text-Remix. „In this light and on this evening / the world turns too fast / this place is our prison / love got further away / no one understands / they just wanna have fun / hide behind their plastic faces / my heart will explode / I think it’s time we leave / London’s become the most beautiful thing I’ve seen…“

 

CD reinhören und bestellen

 

www.editorsofficial.com
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