Random Is Resistance von ROTERSAND

von Daniel K. , depechemode.ch

 

Zufall ist Widerstand. Widerstand gegen die Schablonen, die uns aufgestülpt werden sollen, indem unser System sich ideenreich darum bemüht, menschliche Faktoren wie „Fehler“ und „Individualität“ gleich- oder gar gänzlich auszuschalten. Konsequent werden Daten erfasst, um unser Verhalten in der Freizeit, beim Einkauf oder bei der Arbeit zu „optimieren“. Das Resultat: Ein immer perfekter funktionierender Homo Sapiens, der manches davon bewusst oder unbewusst wahrnimmt, aber oft doch nicht aus seinem Schema ausbrechen kann. Und gleichzeitig werden Inhalte und Qualität immer bedeutungsloser, es geht häufig nur noch um „Verkauf und Umsatz um jeden Preis“. Hautnah erlebbar bei vielen Service-Hotlines mit unfreundlicher, schlechter oder falscher Beratung oder beim in der Politik und bei Firmen grassierenden Virus, Probleme öffentlich schönzureden etc.

Schon auf ihrem Debut „Truth Is Fanatic“ aus dem Jahre 2003 reflektierte die Band um den ehemaligen The Fair Sex-Bassisten Rascal Nikov die Medienwelt kritisch. Auf ihrer bereits vierten CD „Random Is Resistance“ geht das Trio nun mit vielen neuen Songs zum Medienthema, deftigen Tanzrhythmen und passender Aufmachung als Guerillakämpfer zum Grossangriff über. Die Musik von Sänger Udo Hüppe (Rasc), Vollblutmusiker Gunther „Gun“ Gerl (gunthergerl.de) und Produzent/Remixer Krischan Wesenberg ist in den letzten Jahren nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Doch zwiespältige Gefühle hinterlassende Vorband-Auftritte mit zuviel „Billigtechno“ und Trance-Elementen liessen meine elektronischen Musik-Fühler vorübergehend zurückschrecken. Doch das gehört der Vergangenheit an.

“Random Is Resistance“ geht richtig befreiend zur Sache. Zwar halten sich die drei Freiheitskämpfer sich beim wie üblich auf Pink Floyd beziehenden Eröffnungstrack noch bewusst zurück. Danach heisst es aber über weite Strecken „volle Kraft voraus“, natürlich stets mit den nötigen Atempausen. Eine erste Kampfansage stampft uns auf „Bastards Screaming“ entgegen: „We had enough!“ Ein gegen sich selbst gewonnener Kampf ist das Thema in „Waiting To Be Born“: Die Ueberwindung der um sich selbst gebauten, unsichtbaren, lebenseinschränkenden Mauer: „I’m not dying anymore!“. Auf „Speak To Me“ geht’s um das Bedürfnis nach echter Kommunikation bzw. nicht in leeren Werbebotschaften zu ertrinken: „All channels have gone deaf and blind!“ Dann einen Gang runter. Naja, „We Will Kill Them All“ ist selbstredend keine echte Kampfpause...

“First Time“ brodelt nach verhaltenem Beginn mit leicht ansteigendem Tempo vor sich hin und verwandelt sich schliesslich in eine jubilierende Trance-Nummer - und die typischen Sounds stören nicht mal! Darin verborgen ein Leitfaden zum Thema Zufall: „This could be the first time, and it could be your last time, you never know.“ Und dann, in „Beneath The Stars“ - wie so oft bei Titeln mit „Stars“ oder „Sun“ - wird’s richtig romantisch. Ja, auch Liebe entsteht nicht zuletzt aus Zufällen: „It suddenly began because of you.“ Aber gleich wieder ran an die harte Widerstands-Arbeit. Gemäss „If You Don’t Stop It“ geht’s gemeinsam besser. Also: „You better join us!“.  Auf „War On Error“ kommen beide Seiten zu Wort: Gun alias „Das Staatsoberhaupt“ warnt die Bevölkerung: „Citizens of the World… random is resistance!“, Rasc alias „Das Volk“ beharrt auf seinen Rechten: „It’s my mind, it’s my heart…!“ Oho, da liegt wohl Spannung in der Luft?!

Die letzten drei „Widerstands-Lieder“ fallen aus dem bewährten Rahmen: „A Number And A Name“ schunkelt  in bewährter Tim Burton-Grusical-Manier daher. Auch „Gothic Paradise“ nimmt es mit seinem mitreissenden Flat Eric Schlurf-Beat eher locker (Flat Eric war der gelbe Techno-Stoffhund). Eine Betrachtung der heutigen Gothic-Szene mit mindestens einem Zwinker-Auge. Und Rasc singt dazu mit dem rauhen Organ von Richard Butler (Psychedelic Furs)? Das Ende naht: Zu „A Million Worlds To Lose“ stelle man sich die üblichen Credits im Filmabspann vor. War ein guter Streifen! (schluchz, schneuz) Und das im zur Genüge erprobten stilsicheren Gesamtkonzept in schwarz-orange. (klatsch klatsch)

Der Bandname stammt vom Nordsee-Leuchtturm Roter Sand. Rascal & Co. wollten die auf einem Leuchtturm herrschenden Wetterextreme durch ihre Musik ausdrücken: Kleine musikalische Stürme sowie die Ruhe vor und nach dem Sturm. So gesehen ist das Experiment geglückt. Nicht nur weil Rotersand mit dem aktuellen Opus ihre langjährigen Live-Partner und Kollegen von VNV Nation qualitätsmässig zurückgelassen haben. Wer auf einen gewissen Rumms-Faktor steht und nichts gegen Eingängigkeit hat, für den ist diese CD wie massgeschneidert. Und das Konzert vom 28. November im KiFF in Aarau sowieso.

Zuletzt noch dies: Haben Rotersand ihr Album „1023“ Mitte 2007 noch beim weniger Monate später aufgelösten Label DEPENDENT veröffentlicht, sind sie nun amüsanterweise dafür verantwortlich, die erstklassige neue CD von Mesh vom wiederauferstandenen DEPENDENT-Label vom Thron hier verdrängt zu haben. Zufälle gibt’s…

Wegen grosser Resonanz erneut ein Text-Remix (erneut nicht „zufällig“ zusammengestellt; pro Song genau eine Zeile): „Once you knew where you belong / now we got to disagree / this creepy carnival of horror, blood & lies / welcome to confusion / we carried on through drought and flood / a puppet is what i’ve become / we’ve had enough / this is not my vision / i’m listening to my heart again / i’m waiting to be born / get alive / and yes we care…“

www.rotersand.net
www.myspace.com/rotersand

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