Autophobia von LIQUID DIVINE

von Daniel K. , depechemode.ch

 

Die Angst geht um! Zugegeben: LOLA ANGST heissen zwar so, verbreiten aber auf „Viva La Lola“ mit ihrer kuriosen Mischung aus schrottigem Elektro-Jahrmarkt, nicht allzu ernst zu nehmenden Inhalten und einer Ueberproduktion an Depeche-Samples alles andere als Schrecken. Ausser vielleicht bei Leuten, die kein Humor verstehen und von Goldmanns schrägem Gesang und Schirners Gescheppere in die Flucht geschlagen werden. Diesen folgende Botschaft von LOLA: „Go To Hell“! Ein grössenwahnsinniges („This Earth Is Not Enough For Me“) narzisstisches („I Love Myself“) Duo. Mit viel Augengezwinker. „This Is The End“? Nein, noch nicht.

Was macht eure Furcht? Ich hätt da noch „We Like Ghost Girls“ von ANDREAS GROSS (nicht verwechseln mit dem gleichnamigen Schweizer Politiker). Unser Andreas Gross hier veröffentlicht seit 2005 regelmässig Musik, die dem 4AD-Label Mitte der 80er gut gestanden hätte. Wem Clan Of Xymox’ „Medusa", „Head Over Heels“ von den Cocteau Twins oder die Band Slowdive was sagen, könnte auch Andreas Gross kennenlernen wollen. Bei dämmrigen Klängen und gespenstisch angehauchtem Gesang von Tabitha Anders schaudert’s zwischendurch im Nackenbereich. Selbst anhören auf www.myspace.com/andreasgross. Dort gibt’s neben unzähligen Videoclips auch das brandneue „1847“ (nicht auf der aktuellen LP).

Und - lang ist’s her - News aus Schweden: Die HEARTS OF BLACK SCIENCE (huch, schwarz!), also Tomas Almgren und Daniel Aenghede, haben sich nach einer Auszeit voneinander wieder zusammengetan und lassen ihre „dunklen Wissenschaften“ neu aufleben. Musik und Gesang sind auch auf Album zwei den Engeln näher als irgendwelchen düsteren Gestalten. Auf „The Star In The Lake“ hat sich gegenüber Album eins kaum was geändert, sozusagen Album eins Teil zwei. Das kann man so oder so auslegen, ist aber sicher nicht übel. KENT sind wagemutiger und tönen auf „Röd“ so, wie man sie noch nicht gehört hat. Ich meine damit nicht die schwedische Sprache. Die ist bei ihnen ja an der Tagesordnung. Oder ist’s „Schwiizer Dialäkt“?

So, Daniel K., komm endlich zur Sache! Na gut, ihr habt’s so gewollt! (grusel, schauder) „Die nun folgende CD ist nicht geeignet für Hörer unter 18 Jahren!“ Gut, genügend Spannung aufgebaut, he-he-he… Jedenfalls ist die folgende CD nicht so spassorientiert wie „Viva La Lola“ und nicht so schleichend und schöngeistig (ha!) wie die „Ghost Girls“. Aber ziemlich genau irgendwo dazwischen.

“Autophobia is the fear of being alone - Autophobie ist die Angst vor dem Alleinesein“. Genau: Um Angst im wahrsten Sinne geht’s auf „Autophobia“, der dritten CD von LIQUID DIVINE aus Leipzig. Nach dem mehr als gelungenen, aber etwas vocoderlastigen Debut „Interface“ (2005) und dem finsteren, famosen Zweitling „Black Box“ (2007) musste man sich fast drei Jahre auf was Neues von Guido Stoye und Christian Fritzsche gedulden.

Ausgestattet mit einigen aufregenden Clubtracks, grossartigen Sequencer- und sphärischen Synthiflächen, viel Tiefgang und zwei Gastsängern kann nichts schief gehen. Tut’s auch nicht. „Autophobia“ scheint bereits immense Wellen zu schlagen. Kein Wunder, sehen Liquid Divine ihr Zielpublikum „bei Hörern von Electronica, Pop, Elektro, Ambient, Drum’n’Bass und überhaupt, bei fast allen.“ Hey, so bescheiden, die Herren? Aber stimmt: Der Sound ist offener, poppiger und somit hörbar „kommerzieller“ geworden.

Natürlich stechen erst mal die zugkräftigen Gastsänger-Stücke hervor. „Sojourner“ mit Frank Spinath von Seabound/Edge Of Dawn könnte gut und gerne von Spinath selbst stammen. Da fällt „Comagirl“ mit Yrea als Gastsängerin mehr aus der Rolle. Doch wurden beide Titel auf Erfolg getrimmt. Individueller und unheimlicher (und damit „bleibender“) wirken „Fallen Men“, „Planet Zoo“ und „Astronauts“. Als eigentliche Highlights stechen aber „iHuman“, das hypernervöse, mit Schlaflied-Glöckchen geschmückte „Frontend“ und der vorletzte Song „Redshift“ hevor. Dazu das Schlafengehen-Zückerchen „One Day Of May In 99“, ein 8minütiger Nachruf.

Schon bemerkt? Auch hier, wie so oft in den letzten Monaten, ein „Ghost“! Zu diesem Thema sag ich nur noch: David Sylvians Band JAPAN war 1982 in dieser Kategorie vielleicht nicht die erste, aber unschlagbar die beste. Wenn wir schon bei „fremden Federn“ sind: Guidos Gesang erinnert oft an die „best Swiss band ever“ YELLO bzw. Dieter Meiers beschwörende Stimme. Und wem HAUJOBB und deren „Solutions For A Small Planet“ noch was sagt: Vom Gesamteindruck her ist „Autophobia“ nicht weit davon entfernt.

Trotz des düsteren Themas verbreitet „Autophobia“ eine festliche, vorweihnachtliche Stimmung. Für die meisten hoffentlich im positiven, für die einsam Weihnachten feiernden wohl mehr im autophobischen Sinne. Vorschlag für die Einsamen: Am Weihnachtsabend (24.12.) findet in der Leipziger Moritzbastei die offizielle Autophobia-Releaseparty statt, inklusive Livekonzert. Wär doch was?

2009 war aus musikalischer Sicht grossartig. Auch die Aussichten sind… tja, mir fehlen fast die Worte. So sind im 2010 neue Platten zu erwarten von Altmeistern wie Kraftwerk, Gary Numan, Devo (Sänger Mark Mothersbaugh wird im Mai 60), Clock DVA und Alphaville (beide schon lange im Studio), OMD, Duran Duran (Doppelalbum?), Killing Joke und Twice A Man.
Dann von Nitzer Ebb (endlich!) und Covenant (endlich?), Front Line Assembly, Diorama, Beauty Of Gemina, Zeromancer (besonders tüchtig!), De/Vision, Melotron, Ashbury Heights, In Strict Confidence, Pink Turns Blue, The Fixx, vielleicht von Angels & Agony und UnterArt, und last but not least von Chatelaine (Toni Halliday von Curve).

Nach diesen feiertäglichen Aussichten ein Rückblick auf 5 Jahre „CD-Tipp“: In 60 Rezensionen wurden etwa 37'000 Wörter oder 223'000 Zeichen „ver“braucht. Danke für Euer Interesse an meinem „schwarz auf weiss“ bzw. „hellgrau auf dunkelgrau“. Diesmal EXTRA-LARGE! *g*

I saw the sparkling stars above / I just want to count the stars / the realist is moaning still so sick of everything / why should I change the world / too much knowledge is a murderous thing / you’re killing the wrong one / the blind will never see the blind / let’s paint the blue sky all in black, and close the door / one day of may / unusual and cruel / and I close my eyes / talk to me while I’m not here (Auszüge aus „Autophobia“, pro Song einer).

www.liquiddivine.de
www.myspace.com/liquiddivine

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