ULTRAVOX: A Brilliant Return To Eden? / Eine grossartige Rückkehr ins Paradies?

 In diesen Tagen wollen wir uns mit Ultravox befassen. 26 Jahre liessen die Briten auf das aktuelle Album warten. Brilliant, so der Name des Longplayers, ist das Album dann auch geworden. Daniel K. hat viele Jahre für depechemode.ch Platten-Rezensionen geschrieben. In diesem Interaktiv liess er es sich nicht nehmen über eine seiner absoluten Lieblingsbands zu schreiben....

 

 

Fast auf den Tag genau vor 33 Jahren: Gary Numans und seine Tubeway Army führen mit ihrem futuristischen, unterkühlten „Are Friends Electric?“ vier Wochen lang die britischen Charts an. Für mich eine musikalische Offenbarung, die aus dem Nichts kam. Das neuartige, elektronische Klanguniversum packte mich erbarmungslos. Sicher nicht zuletzt wegen dem ungewohnten Auftreten und den düsteren Zukunftsstories dieses jungen Musikers. Für mich, einen nach abenteuerlichen und aussergewöhnlichen Science Fiction-Geschichten dürstenden Teenager war es der Beginn einer neuen Aera der Musikgeschichte. Nichts gegen Popbands wie ABBA, ich mag ihre Musik fast so sehr! Doch faszinierten mich Numan, Visage, Devo, Japan, Kraftwerk, OMD und John Foxx auf allen Ebenen, auch auf der textlichen, visuellen und konzeptionellen. Dies war kurz vor meinen Erfahrungen mit Ultravox.

 

Anfang 1981, einen Tag vor meinem vierzehnten Geburtstag, veröffentlichte die nach dem Ausstieg von Sänger John Foxx reformierte Band ihre dritte Single „Vienna“ vom Album gleichen Namens. Die bis heute unvergleichliche und erfolgreichste UV-Single thronte vier Wochen lang auf Position zwei der Insel-Charts, nur gestoppt von John Lennons Herzbrecher „Woman“ und Joe Dolces Partysong „Shaddap You Face“. In der von der Musiklegende Conny Plank produzierten LP widerspiegelte sich meine (etwas eingeschränkte) akustische Welt in einer glasklaren Perfektion: Unterkühlte, elektrisierende, kraftvolle Rocksongs, gesungen und gespielt von sich unnahbar präsentierenden Musikern mit prägnanten, exotischen Namen wie Chris Cross, Billy Currie, Warren Cann und Midge Ure. Dabei hat der aus Kanada stammende Drummer Warren Cann erstaunlicherweise nicht nur den überirdischen Song „Mr. X“ brilliant interpretiert, sondern auch die Hälfte der Texte geschrieben. Wenn ich „Vienna“ (das Album) höre, läuft in meinem Kopf H.G. Wells „Krieg der Welten“ ab; die mehrmals verfilmte und zum Hörspiel vertonte Geschichte der gnadenlosen Marsianer in ihren unbezwingbaren dreibeinigen Kampfmaschinen, die sich die Erde Untertan machen wollten, schliesslich aber an den klitzekleinen Bakterien zugrunde gingen. Diese LP gehört bis heute zu meinen absoluten Herzstücken.

 

Mit dem abstraktere Gefilde beackernden Nachfolger „Rage In Eden“, das hauptsächlich von Autoritäten und Aengsten handelte, und der aussergewöhnlichen computergetriebenen Single „The Thin Wall“ bestätigten die vier „Laut-Sprecher“ ihren Ausnahmestatus eindrücklich. In der Schweiz und in Deutschland kamen die Erfolge aber erst mit dem mit Beatles-Produzent George Martin geschaffenen Album „Quartet“ und der erhabenen Single „Hymn“. Die folkloristisch eingefärbten LP „Lament“ und das vom Atomkrieg handelnde „Dancing With Tears In My Eyes“ erreichten anderthalb Jahre später ähnliche Chartplatzierungen.

 

Nach der Zusammenstellung „The Collection“, die in Grossbritannien mit Dreifach-Platin ausgezeichnet wurde, und Ures Aktivitäten mit „Band Aid“, ging es mit der einst so schillernden Formation nur noch bergab. Drummer Warren Cann verliess die Band, das Album „U-Vox“ verlor sich in Belanglosigkeiten, und Ultravox lösten sich 1988 auf. Billy Currie versuchte 1992 bis 1995, mit altem Namen und neuen Musikern die Geschichte von Ultravox fortzuschreiben, allerdings künstlerisch wie kommerziell erfolglos. Ure, Cross, Currie und Cann gingen während fast 20 Jahren getrennte Wege. Miteinander zu sprechen war noch nie eine Stärke der vier.

 

Anlässlich der Remaster-Neuauflagen ihres Chrysalis-Backkatalogs trafen sich Ure und Currie zu Promotionszwecken. Daraus ergab sich 2009 eine erfolgreiche UK-Tour, daraus eine Live-CD mit DVD („Return To Eden“) und Festivalauftritte, daraus wiederum eine grossartige Reunion-Tour durch Europa, inklusive ausverkauftem und endlos begeisterndem Auftritt im Zürcher Volkshaus. „Ein neues Album? Nein, Pläne gibt’s dafür nicht. Wir wollen ja weder unsere Jugend noch unsere Haare zurück!“, meinte Midge Ure damals. Und jetzt haben wir den Salat! Wie tönt es denn so, dieses „Brilliant“, das ursprünglich selbstironisch mit Fragezeichen („Brilliant?“) hätte betitelt werden sollen?

 

„Brilliant“ ist ULTRAVOX wie man sie kennt. Zwölf teils rockige Songs mit ausgefeilten Melodien und dem typischen Klangbild. Auch keine Ueberraschung, dass hier und da frühere Hits („Hymn“ und „Dancing With Tears“) oder Titel wie „I remember“, „We Stand Alone“, „Sleepwalk“ und „New Europeans“ durchscheinen. Dazu wird der Tonteppich von den altbekannten feierlichen und jaulenden Synthisounds gewoben, nicht zu vergessen der „Gastauftritt“ von Billy Curries Violine auf den letzten beiden Stücken. Generell bevorzugte ich schon immer energischere oder angerauhte Musik den Balladen oder zu glatt geschliffenen Stücken. Auch wenn ich deshalb das Augenmerk vor allem auf „Live“, „Flow“, „Hello“, „Lie“ und „Satellite“ richten möchte, es ist eh Geschmackssache. Meiner Meinung nach lebt ein Album sowieso von Abwechslung, und die hier im Viererpack gelieferten Balladen haben durchaus ihre Vorzüge. Die Texte sind ziemlich düster gehalten, näher dem Scheitern als der Hoffnung: Passagen wie „you’ll learn to live again“, „life has left you dry“, „friends I’ve loved and lost“ oder „fighting back words with words of war“ lassen tief blicken. Angenehm verpackt verbreitet die Musik trotzdem viel gute Laune!

 

Auffällig ist, dass man die Songs nicht schon nach der Hälfte schon gehört hat: Sie leben, variieren und überraschen. Das ist in der heutigen von Perfektionsdrang gebeutelten Musiklandschaft eher Mangelware. Fanatische Anhänger von „Vienna“ und „Rage In Eden“ - die „Ultravox!“-Fraktion (John Foxx) sowieso - werden „Brilliant“ vielleicht als lauen Aufguss betrachten. Sicher klingt dieses Comeback altmodisch und trotzdem modern: Etwas zu geglättet, um mit den Klassikern mitzuhalten, aber gehaltvoll genug, um nicht als Abklatsch ihrer selbst oder als inhaltslose Hülle abgetan zu werden.

 

Nicht vergessen: Die ergrauten Herren sind alle um die 60. Es ist nur natürlich, dass sie nicht mehr mit demselben Elan und derselben Experimentierfreude zu Werke gehen wie vor 30 Jahren. Rührend zu sehen, wie sich die alte Liga (wie z.B. Human League, Duran Duran, Orchestral Manoevures oder eben Ultravox) redlich bemühen, einen Hauch der damaligen einzigartigen Musikwelt in die Jetztzeit herüberzuretten. Bei der Herbst-Tour sollen ein paar ausgesuchte Stücke von „Brilliant“ gespielt werden, dazu viele alte Hits. Am 1. November im Kaufleuten in Zürich. Alles Klar, Mister X?

 

Auch das könnte den einen oder anderen interessieren:

 

- „ALTAVOZ“ ist spanisch und heisst „Lautsprecher“.

- Ex-Sänger John Foxx erfand den Bandnamen, der als „Stimme jenseits aller vernünftigen Erwartungen“ übersetzt werden kann.

- 1977 verwendeten UV! als eine der ersten britischen Bands eine Drum Machine („Hiroshima“)

- Foxx veröffentlichte 1980 sein „klinisches“ Solodebüt „Metamatic“.

- Dennis Leighs Künstlername basiert auf „Vox“ (Stimme), nicht „Fox“ (Fuchs).

- Der Deutsche Conny Plank (1940-1987) produzierte die drei besten UV-Alben.

- Currie unterstützte Elektropionier Gary Numan 1980 auf dessen „Pleasure Principle“-Tour.

- Cann schwang seine Stöcke für „Video killed the Radio Star“ von den Buggles.

- Russell Mulcahys Cinemascope-Clip zu „Vienna“ war prägend für das Medium „Video“.

- In den USA war „Quartet“ das erfolgreichste UV-Album.

 

 

Zu „Tausendsassa“ Midge Ure gibt’s auch viel Interessantes, wie z.B.:

 

- „Midge“ heisst nichts anderes als „Jim“ (James) rückwärts gesprochen.

- 1975 bot Malcolm McLaren Ure an, Sänger der Sex Pistols zu werden.

- Ure war Mitbegründer von VISAGE („Fade to Grey“) und Mitschreiber all ihrer Hits.

- Für Ure ist der mit Bob Geldof geschriebene Hit „Do they know it’s Christmas?“ eine seiner schwächsten Leistungen.

- Die Uhrenfirma SWATCH verwendete Ures „Breathe“ für eine TV-Werbekampagne.

- Ure ist Träger diverser Ehrendoktortitel und wurde 2005 von der Queen geadelt.

- Seine musikalischen Wurzeln: Die traditionelle schottische Musik und Frank Sinatra.

- Er ist Ex-Alkoholiker, liebt das Kochen und hat vier Töchter, eine namens „Flossie“; wirklich aussergewöhnlich

 

 

 

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Ultravox sind am 1. November 2012 live im Kaufleuten Zürich

 

 

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